Quelle: Reservix


Wenn man in Straßburg bei Max und Yvette zum Schabbes einen echten Gefillten Fisch serviert bekommt, so wie man ihn früher in Polen und Galizien gegessen hat, dann ist es das köstliche Relikt einer Welt, die so heute nicht mehr existiert. Diese Welt literarisch festzuhalten, hat sich Barbara Honigmann zum Auftrag gemacht. Sie tut es, indem sie sich dem Freundeskreis ihrer Eltern zuwendet, der eigentlich gar kein Kreis gewesen sei, sondern ein Kosmos. Dieser Kosmos bestand aus bildungsbürgerlich geprägten, kommunistischen Juden, die sich in den Zwanzigerjahren in Berlin kennen lernten, an unterschiedlichen Orten des Exils die Schoah überlebten, um nach dem Krieg in Budapest, Moskau oder Ost-Berlin neu anzufangen: so wie Mischka, die dem Gulag entkam und später in ihrer Moskauer Zweizimmerwohnung Dichter und Dissidenten empfing; oder Irén, die zur Nomenklatura der ungarischen kommunistischen Partei gehörte und den Freundeskreis jedes Jahr in die Parteiresidenzen einlud, obwohl ihr Mann in den 1930er Jahren selbst zum Opfer des stalinistischen Terrors wurde.

In »Mischka« erzählt Barbara Honigmann in vier Prosastücken von Lebensläufen, in denen sich die gewaltvolle Geschichte des 20. Jahrhunderts widerspiegelt. Mit sprachlicher Präzision und ihrem unverwechselbaren feinen Witz entreißt sie Erinnerung um Erinnerung dem Vergessen und zeigt so einmal mehr, dass sie die Meisterin des biographischen Erzählens ist.

Moderation: Christian Dinger

In Kooperation mit der Jüdischen Gemeinde Frankfurt.

Eintritt: € 6,-/9,-/12,- (pay as you wish)

Barbara Honigmann, geb. 1949 in Ost-Berlin, arbeitete als Dramaturgin und Regisseurin. 1984 emigrierte sie mit ihrer Familie nach Straßburg, wo sie noch heute lebt. Honigmann wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, unter anderem mit dem Aspekte-Literaturpreis (1986), dem Kleist-Preis (2000), dem Jean-Paul-Preis für ihr Lebenswerk (2021) und zuletzt 2024 mit dem Schiller-Gedächtnispreis, dem Jehuda-Amichai-Literaturpreis und dem Bundesverdienstkreuz am Band.

Foto (c) Peter-Andreas Hassiepen

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