München, eine der Büchermetropolen Europas hat mit dem Literaturhaus einen wunderbar geeigneten Ort für den literarischen Austausch gefunden. Schriftsteller, Verleger, Buchhändler und Journalisten geben sich hier ein Stelldichein.
Seit 1997 steht das Literaturhaus München allen Literatur- und Kulturinteressierten offen. Internationale Bestseller werden hier neben Texten junger Autoren präsentiert. Für kontroverse Diskussionen aktueller politischer und kultureller Themen ist hier ebenso Platz wie für Prosa, Pop und Poesie.

Als Mittelpunkt des literarischen Lebens bietet das Haus mit jährlich etwa fünf Ausstellungen, 150 Lesungen, Diskussionen und Gesprächen, Tagungen, Seminaren und Workshops Raum für Annäherungen an Autoren und ihre Bücher, greift neue kulturelle Strömungen auf und eröffnet immer wieder den Dialog mit dem Publikum.

Literatur für alle Sinne

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›Der Sekretär‹ &  ›Der Funktionär‹ - Filmabend mit Jürgen Böttcher & Andreas Goldstein
Moderation: Bert Rebhandl (Filmkritiker)

Zwei Porträts über staatstragende DDR-Persönlichkeiten: Die Regisseure zeigen ihre Dokumentarfilme und sprechen über den sich wandelnden Blick auf die damaligen politischen Verhältnisse.

50 Jahre liegen zwischen diesen Dokumentarfilmen – und damit neun Jahre mehr, als es das Land, von dem sie erzählen, gab. Jürgen Böttcher, 1931 in Frankenberg geboren, studierte in den 1950er-Jahren Malerei in Dresden und danach Regie in Babelsberg. Weil er gemerkt hätte, dass Malerei in dem System nicht helfe, habe er Filme gemacht, sagte er in einem Interview. Angesiedelt waren diese meist in der Arbeits- und Kunstwelt. Sie zeigten einfache Menschen in ihrem Alltag – und wirkten inhaltlich und formal wegweisend für nachfolgende Künstlergenerationen.

In »Der Sekretär« (1967) porträtierte Böttcher den Parteifunktionär Grimmer im Chemiekombinat Buna. Vordergründig scheint er ein Arbeiter unter vielen Frauen zu sein. Er begegnet ihnen auf Augenhöhe, spricht ihre Sprache, kümmert sich ums Betriebsklima und die Weiterbildung der Arbeiterinnen – und bleibt zugleich der Repräsentant des Staates.Andreas Goldstein wurde 1964 als Sohn von Klaus Gysi in die Tradition einer jüdischkommunistischen Familie hineingeboren. Der meist abwesende Vater blieb ihm indes merkwürdig fremd. Dieser folgte seit dem Eintritt in die KPD den Entscheidungen seiner Partei: als Emigrant, als illegaler Funktionär in Berlin der Nazizeit oder in der DDR als Leiter des Aufbau-Verlags, Kulturminister, Botschafter und Staatssekretär für Kirchenfragen.

Goldstein studierte wie Böttcher Regie in Babelsberg und als Meisterschüler an der Akademie der Künste Berlin. In seinem Film-Essay »Der Funktionär« (2018 ) geht er knapp 30 Jahre nach dem Ende der DDR und 20 Jahre nach dem Tod Gysis auf Spurensuche. Weil Goldstein den Anspruch des Vaters ernst nimmt, entsteht in Nähe und Distanz das kritische Porträt eines Funktionärs, der seine Ideale nach 1990 »Illusionen« nannte – und die DDR eine Diktatur.

Veranstalter: Literaturfest München – forum:autoren
Bleiben will ich, wo ich nie gewesen bin - Ein Abend für Thomas Brasch
Mit Marion Brasch & Andreas Keller

In einer Collage aus Texten, Szenen und Film erzählt die Schriftstellerin Marion Brasch gemeinsam mit dem Schauspieler Andreas Keller von ihrem Bruder, dem »Dissidentendichter« Thomas Brasch.

Was es bedeutete, als Tochter eines SEDFunktionärs und stellvertretenden Kulturministers mit drei Brüdern aufzuwachsen, von denen zwei öffentlich gegen die DDR-Politik protestierten – das beschrieb Marion Brasch 2012 in ihrem fulminanten Debütroman »Ab jetzt ist Ruhe«.

Im Zentrum dieses Abends steht der älteste der vier Geschwister: Thomas Brasch (1945–2001) wurde 1968 wegen des Verteilens von Flugblättern verurteilt und nach der Entlassung auf Bewährung als Fräser in eine Fabrik geschickt. 1976 stellte er infolge der Ausbürgerung Wolf Biermanns einen Ausreiseantrag, siedelte über – konnte aber weder in der BRD noch im vereinten Deutschland je wieder heimisch werden.

In ihrer szenischen Lesung kombinieren Marion Brasch und Andreas Keller vom Schauspiel Leipzig erzählerische Passagen mit Tagebucheinträgen von Thomas Brasch, internen Berichten des Ministeriums für Staatssicherheit, Originalfilmmaterial und nachgestellten Szenen sowie Auszügen aus Braschs literarischem Werk, das in der DDR nicht publiziert wurde.»Bleiben will ich, wo ich nie gewesen bin«: München hatte Brasch bei dieser berühmten Gedichtzeile sicher nicht im Sinn. 1981 nahm er für sein Regiedebüt »Engel aus Eisen« den Bayerischen Filmpreis an – und damit auch »das Geld aus den Händen des Staates, gegen den ich arbeite«. Bei der Vergabe im Cuvilliés-Theater mit dem damaligen Ministerpräsidenten Franz Josef Strauß dankte Brasch erst »der Filmhochschule der DDR für meine Ausbildung«, dann der Jury des Bayerischen Filmpreises für die Auszeichnung – und zuletzt »den Verhältnissen für ihre Widersprüche«.Diese beschäftigten ihn ein Leben lang. Kurz vor der Premiere seines Films in Cannes hatte er seine Schwester Marion am Telefon gefragt: »Bin ich noch der Dissidentendichter aus Ostberlin, oder bin ich jetzt ein berühmter Regisseur?«

Veranstalter: Literaturfest München – forum:autoren
Im Westen nichts Neues? - Fragen an München nach 1989
Moderation: Ingo Schulze & Volker Isfort (Abendzeitung)

Das Finale des forum:autoren mit Menschen aus München: Vier Autor_innen und vier Leser_innen präsentieren kurze Texte und sprechen mit Ingo Schulze und Volker Isfort über ihre Wahrnehmung des Wandels.

Für ihn habe sich mit 1989 alles verändert, sagt Ingo Schulze. Im Westen Deutschlands bekäme er hingegen oft zu hören: »Das betraf nur den Osten. Bei uns hat sich doch nichts verändert.« Nun wird genauer nachgefragt! Münchner*innen, die einem Aufruf der Abendzeitung folgten, sowie von Schulze eingeladene Autor*innen erzählen, wie sich 1989 in unsere Stadt eingeschrieben hat.

Katja Huber (*1971) studierte in München Slawische Philologie und Politik. Seit den 1990er-Jahren, die sie teils in Russland verbrachte, arbeitet sie als Prosa- und Hörfunkautorin. Auf jüngste gesellschaftspolitische Veränderungen reagierte sie prompt: als Mitbegründerin der Initiative Meet your neighbours, die Veranstaltungen mit geflüchteten Künstler*innen organisiert.

Zu den Gründern zählt auch Fridolin Schley (*1976). Er studierte an der Münchner HFF sowie Germanistik, Philosophie und Politik in München und Berlin und promovierte über W. G. Sebald. Für seine Romane vielfach ausgezeichnet, arbeitet Schley zudem als Lektor und Publizist. So gab er 2015 mit »Fremd« eine Anthologie Münchner Autor*innen gegen Fremdenfeindlichkeit heraus.

Als Kuratorin des forum:autoren 2013 setzte sich Dagmar Leupold (*1955) unter dem Motto »Stadt Land Fluss« mit Geschichten von der Gegenwart auseinander. Geboren in Rheinland-Pfalz ist sie keine Urmünchnerin – erlebte die Stadt aber in den 1990er-Jahren: Nach ihrer Promotion in Vergleichender Literaturwissenschaft in New York führte sie ein Lehrauftrag an die Ludwig-MaximiliansUniversität.

Ein Zugroaster ist auch Tilman Spengler (*1947): Der gebürtige Nordrhein-Westfale studierte Sinologie, Politik, Neuere Geschichte und promovierte 1972 in München, vor dessen Toren er heute lebt. Er war langjähriger Mitherausgeber des »Kursbuch« und begleitete des Öfteren Politiker auf Reisen nach China. Für sein Buch »Glücksfälle der Weltliteratur« spazierte Spengler durch zweieinhalb Jahrtausende Literaturgeschichte und fürs forum:autoren durch ein halbes Jahrhundert München!

Veranstalter: Literaturfest München – forum:autoren